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12.05.2014

"Rollentausch" in der Förderstätte für Menschen mit Autismus der Rummelsberger Dienste für Menschen mit Behinderung (gemeinnützige GmbH)

Tagesplan einer Gruppe

Lydia Bauer-Hechler und Leiter Thomas Lache

Unter dem Zeichen der bayernweiten Aktion Rollentausch besuchte die Grüne Bezirksrätin Lydia Bauer-Hechler am 6. Mai 2014 die Förderstätte in der Adam-Kraft-Straße in Nürnberg und zeigt sich sehr beeindruckt von der Arbeit, die dort geleistet wird.

"Autismus ist nicht Übersensibilität, sondern eine besondere Wahrnehmungsbegabung" kann man auf einem Zettel im Fenster in der Adam-Kraft-Str. 1 in Nürnberg lesen.

Eigentlich weiß ich nicht viel über Autismus und Erfahrung habe ich überhaupt keine. Ich lasse mich auf völliges Neuland ein. Zunächst kann ich die Räume besichtigen. Eine Altbauwohnung, ziemlich eng und verwinkelt, doch recht zweckmäßig eingerichtet mit Pausenraum, dem Raum für die Auftragsarbeit und einem großen Raum für alles andere: Hauswirtschaftliche Arbeiten, Freizeit und Essen. Nicht optimal für autistische Menschen, bedauert der Leiter Thomas Lache, es gäbe mehr Klarheit, wenn es für die verschiedenen Bereiche jeweils eigene Räume gäbe. Heute wäre auch eine Dusche nötig gewesen, die gibt es hier leider nicht.

Pünktlich um 8.15 Uhr kommen die TeilnehmerInnen mit dem Bus an. Es sind junge Menschen, die nun gerade die Schulpflicht hinter sich haben. Die Mitarbeiter sind sehr präsent, begrüßen alle einzeln, helfen beim Ablegen und Wegräumen der Straßenkleidung und führen sie in den Aufenthaltsbereich. Bis 9.00 Uhr sind Ankommen und erste Hygieneverrichtungen angesagt. Der erste legt sich gleich auf das Sofa zum Schlafen, heute ist er so müde, dass er sogar das Frühstück verschläft. Jemand anders war zwar vom Busfahren total müde, wird dann doch schnell munter. Sehr beliebt wäre die Beschäftigung mit dem Tablet-PC. Den gibt es aber erst später: erst die Arbeit. Zwei versuchen es immer wieder mit Tricks, doch gleich dran zu kommen. Auch ich werde an der Hand zum PC geführt und mit Zeigen aufgefordert - sprechen können die meisten nicht, aber verstehen, wenn man sich kurz und deutlich ausdrückt. Nach der Tagesbesprechung mit Singen und der Besprechung des Tagesplans beginnt die erste Arbeitsphase: mit Wäsche falten, Spülmaschine ausräumen und den Wagen mit den Frühstückssachen vorbereiten ist die eine Gruppe beschäftigt, die anderen übernehmen eine Auftragstätigkeit: Akten vernichten. Dabei muss zuerst das Papier nach weiß oder farbig sortiert werden, dann in entsprechende Behälter gesteckt und im letzten Arbeitsgang geschreddert werden. Sortieren ist eine sehr gut geeignete Tätigkeit für autistische Menschen, monoton und ohne viele Reize. Die Arbeitsphase dauert weniger als eine Stunde, dann gibt es Frühstück und eine Pause, bevor die zweite Arbeitsphase beginnt.

Für mich bedeutet es den Wechsel zu der anderen Gruppe, die in der Nähe in der Wielandstraße untergebracht ist. Hier zeigt sich wieder deutlich der räumliche Mangel - wären beide Gruppen im gleichen Haus, würde sich so manches besser organisieren lassen. Die Räume hier wirken auf mich eher noch enger. Ich verstehe immer besser, weshalb Thomas Lache auf der Suche nach neuen Räumlichkeiten ist.

Einige TeilnehmerInnen hier sind unruhig und ständig in Bewegung, einer schaukelt sich im Sessel, einer versucht freundlich, Gesichter zu betasten. Niemanden kann man unbeaufsichtigt lassen, einer braucht wirklich eine Betreuungsperson für sich allein. Gut, dass ab Mai eine zusätzliche Kraft eingestellt werden konnte. Auch hier gibt es Strukturen im Tagesablauf. Vormittags Botengänge für eine benachbarte Einrichtung, Arbeiten in der Holzwerkstatt, zweimal wöchentlich wird mit den TeilnehmerInnen gemeinsam gekocht. Am Tag vorher wird ausgewählt, was es zu essen gibt und eingekauft. Dazwischen braucht es viel Zeit zum "Chillen" oder Umherlaufen, und immer wieder müssen Grenzen gesetzt werden.

Ich konnte an dem Tag viele intensive Erfahrungen machen, ein wirklicher Rollentausch wurde das aber eher nicht: einen jungen Mann konnte ich in der Küche bei der Vorbereitung des Frühstücks begleiten, sonst musste ich die Aktivitäten doch lieber den Profis überlassen. Was der Tag gebracht hat: einen großen Respekt vor der Arbeit der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Von Lydia Bauer-Hechler, Bezirksrätin im Bezirk Mittelfranken