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09.05.2017

Inklusionsfahrt nach Südtirol

Foto: Peter Friemelt

Zusammen mit elf weiteren grünen Kolleg*innen aus den anderen bayerischen Bezirken, der Landtagsabgeordneten Kerstin Celina und Peter Gack von GRIBS machten wir, die mittelfränkischen Bezirksrät*innen Lydia Bauer-Hechler, Daniel Arnold und Dr. Klaus Hiemeyer, uns Ende März auf zur Bildungsreise nach Südtirol. Ein herzliches Dankeschön haben sich Peter Gack für die Organisation dieser Reise sowie die grüne Fraktionssprecherin der bayerischen Bezirke, Kirsi Hofmeister-Streit, für den Reisebericht verdient. Ziel der Reise war es, Rahmenbedingungen für ein inklusives Bildungssystem, für gelingende psychiatrische Versorgung und im Bereich von Kultur und Tourismus kennenzulernen.

Grüner Erfahrungsaustausch über Grenzen hinweg

Am Rande der Bildungsreise trafen wir uns mit Vertreter*innen der örtlichen Grünen. Erste Station war Miesbach und ein Treffen mit dem grünen Landrat Wolfgang Rzehak. Dieser schilderte seine persönlichen Erfahrungen mit der neuen Situation im Landkreis Miesbach, nachdem der CSU-Vorgänger dort ausgeschieden war. Wolfgang betonte, wie wichtig die Nähe zu den Menschen ist. Die CSU hat die Heimat nicht für sich gepachtet. Heimat ist für alle da und schließt niemanden aus. Mit dieser Haltung ist er im Landkreis Miesbach sehr erfolgreich. In Südtirol trafen wir die Landtagsabgeordneten Brigitte Foppa und Hans Heiss mit weiteren grünen Mitstreiter*innen. Einige begleiteten uns bei Besuchen und wir verbrachten lange Abende mit interessanten Gesprächen.

Inklusion im Schulsystem und in der Lehrer*innenbildung

In Bozen folgte dann der Besuch der inklusiven Goethe-Grundschule und des Sozialwissenschaftlichen Gymnasiums. Quintessenz dieser beiden Besuche: Erfolgsfaktor der Inklusion in Südtirol sind die seit 1977 geltenden Rechtsnormen und die damit einhergehende Mentalität in Gesellschaft und Politik. Die Sonderschulen wurden über Nacht abgeschafft. Personelle Unterstützung für individuelle Bedarfe geht Hand in Hand mit Zweitlehrer*innen in den Klassen (Stützlehrer*innen, Integrationslehrer*innen, teilweise Behindertenbetreuer*innen – Ausbildung dieser drei Spezialkräfte ist in der Universität in Brixen möglich).
Handlungsmaximen sind das Erreichen individuell gesteckter Lernziele statt das Erreichen von Klassenzielen; Sitzenbleiben gibt es nicht, wohl aber ein Recht auf differenzierte Bewertung. Nicht der IQ (Intelligenzquotient) ist entscheidend, sondern die ICF (Internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit).

Schulen verfügen über ein hohes Maß an Planungsautonomie, das Lehrpersonal bildet sich ständig fort, um allen gerecht zu werden. Die gemeinsame Schulzeit bis zur 8. Klasse sowie die personenzentrierte statt leistungsorientierte Förderung zeichnen eine gute Blaupause für gelingende Inklusion.

Die Schulen übernehmen unter dem Motto „progetto di vita“ die Aufgabe, den Bildungsprozess des Einzelnen im Sinne von lebenslangem Lernen zu planen. In diesen werden alle Lebensbereiche, auch das Arbeitsleben, einbezogen.

Psychiatrische Versorgung im Zentrum für psychische Gesundheit

Zusammen mit neuen Gesetzen zum Eherecht und zur Psychiatrie Ende der 1970er-Jahre wurde auch eine Gesundheitsreform vorgenommen. Jeder der Bezirke dort, z. B. Meran, Brixen, Bozen, hat einen Sanitätsbetrieb mit einem Krankenhaus, Ärzten und einem Zentrum für psychische Gesundheit.
Therapeutische Kontinuität unabhängig vom jeweiligen Aufenthaltsort zeichnet die Versorgung der Patient*innen in Bozen in erster Linie aus. Das bedeutet, dass die Patient*innen von Beginn der Behandlung etwa in einer Akutstation über die Reha und die Nachsorge im häuslichen Bereich innerhalb eines interdisziplinären Teams stets eine/n feste/n Ansprechpartner*in haben, mit dem sie vertrauensvoll zusammenarbeiten.

Die geringe Zahl an stationären Betten, das Case Management und Empowerment der Betroffenen beeindruckten uns sehr.

Kulturhistorischer Stadtspaziergang – Erinnerungskultur

Mit dem passionierten Historiker und Landtagsabgeordneten der Grünen in Südtirol, Dr. Hans Heiss, starteten wir unseren kulturhistorischen Stadtspaziergang durch Bozen. Die wechselvolle Geschichte Südtirols und das Zusammenleben von deutsch- und italienischsprachigen Bevölkerungsgruppen wurde plastisch erfahrbar. Mit der Eröffnung des Informationszentrums im Siegesdenkmal wurde ein einstiges Denkmal des Faschismus in ein Mahnmal verwandelt. Erinnerungskultur findet im Rahmen von Kontextualisierung eines historischen Denkmals statt. Zitate von Hannah Arendt („Kein Mensch hat das Recht zu gehorchen“) und Bertolt Brecht („Unglücklich das Land, das Helden nötig hat“) räumen in ihrem demokratischen Verständnis mit der Vergangenheit auf. Die Ausstellung an diesem neuralgischen Punkt der Stadt schlägt durch ihre Öffnung eine Brücke zum Frieden.

Inklusion im Hotel Masatsch

Anders als bei uns ist in Südtirol die öffentliche Hand für alle stationären Einrichtungen, wie Wohnheime und Behindertenwerkstätten, zuständig. Andere Organisationen, u.a. die Lebenshilfe, übernehmen ambulante Angebote für Freizeit, Wohnen und Arbeit, und werden dadurch als Akteure für Inklusion bedeutsam.
Wie Arbeitsintegration und Barrierefreiheit umgesetzt werden, davon konnten wir uns in dem von der Lebenshilfe Südtirol geführten und von uns als Übernachtungsort gewählten Hotel Masatsch live vor Ort überzeugen. Der Präsident und Geschäftsführer der Lebenshilfe sowie Hoteldirektor standen darüber hinaus im Gespräch zum Fachaustausch über gelingende Inklusion zur Verfügung. Beeindruckend ist, dass alle Mitarbeiter*innen den vollen Lohn erhalten und Mitarbeiter*innen mit Beeinträchtigungen gerade auch von anderen Gästen als Expert*innen in eigener Sache gefragt sind.

Flashmob #EU60

Ein gelungener Abschluss der Bildungsreise war die spontane Teilnahme am Flashmob der Grünen in Bozen zu den Feierlichkeiten der Römischen Verträge. Hier wurde nochmals eindrucksvoll unter dem ehemaligen faschistischen Siegesdenkmal ein Zeichen für ein friedliches, buntes, demokratisches Europa gesetzt!